Montag, 24. Juli 2017

Das Geheimnis des "Johannes" - eine Führung durch Sankt Michael, Schwäbisch Hall

Ich hatte die Gruppe zum Ölberg[1] bestellt, der sich außen zwischen zwei Pfeilern der Kirche an der Nordseite befindet.
Ganz links kniet Jesus, „bis an den Tod betrübt“ (Math. 26, 38) und betet: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Math. 26, 39). Aus einer Wolke tritt an der linken Wand ein Engel mit einem goldenen Kelch heraus. Jesus hatte, wie es bei Matthäus ausdrücklich heißt, die drei Jünger mitgenommen, die auch schon bei der Verklärung am Berg Tabor (Math. 17, 1 – 13) dabei waren: Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus (Math. 26, 37). Die drei Jünger sitzen rechts mit geschlossenen Augen.
Jesus hatte die Jünger gebeten, zu wachen, während er betet. Aber er kommt dreimal wieder und muss feststellen, dass sie schlafen. Er macht laut Markus (14, 37) Petrus den Vorwurf: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?“ und fordert die drei noch einmal auf: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ (Markus 14, 38). Lukas ergänzt: „Und es geschah, dass er (Jesus) mit dem Tode rang und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde.“ (Lukas, 22, 44).
Jesus am nächsten ist Johannes, der bartlose Jüngling, in der Mitte Petrus mit einem Schwert in der Hand und ganz rechts außen Jakobus. Alle drei Apostel haben ein Buch auf dem Schoß, das sie als Evangelisten auszeichnet: es existiert sowohl ein apokryphes Petrus-, als auch ein apokryphes Jakobus-Evangelium.

Johannes wird hier als bartloser Jüngling dargestellt, während die beiden anderen Jünger durch ihre Bärte als ältere Männer auffallen. In allen Darstellungen erscheint Johannes jung und bartlos, oft mit einem Kelch als Attribut, der auf seine Legende hinweist.[2] Hier wird also offensichtlich der Zebedäus-Sohn mit dem Evangelisten gleichgesetzt, wie durchgehend in der mittelalterlichen christlichen Ikonografie. Dabei fehlt ausgerechnet die Gethsemane-Szene im Johannes-Evangelium, worauf Johannes Hemleben in der 1972 veröffentlichten Rororo-Bild-Monographie „Evangelist Johannes“ hinweist. Johannes stellt lediglich fest: „Da Jesus solches geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, darein ging Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, wusste den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft daselbst mit seinen Jüngern.“ (Joh. 18, 1 – 2).
Das ist in der Tat erstaunlich, da man doch annehmen muss, dass gerade Johannes die wichtige Szene als unmittelbarer Zeuge besonders gut hätte schildern können. Kein Wort von der schmerzlichsten Stunde Jesu unmittelbar vor seiner Gefangennahme, als das Drama der Kreuzigung seinen Anfang nahm, in seinem Evangelium! Nur die drei Synoptiker schildern sie.
In der Ölberg-Szene, die seit dem 15. Jahrhundert gewöhnlich als Gruppe mit vollplastischen Figuren dargestellt ist und wie eine Szene aus einem Passionsspiel anmutet, erscheint jedes Mal im Hintergrund der drei schlafenden Jünger die Schar der Schächer, die angeführt von dem Verräter Judas Jesu gefangen nehmen. So sieht man auch in der Haller Ölberg-Darstellung eine Gruppe Männer hinter einem geflochtenen Zaun. Ein Torbogen steht in der Mitte und zeigt an, dass es hier ein Draußen und ein Drinnen gibt. Der Garten Gethsemane war ein von einem Zaun umschlossener Besitz, der zu einem Hof gehörte. Eigentlich müsste unter dem Torbogen Judas als Anführer der Tat stehen. Aber die Einzelplastik wurde gestohlen, so dass in Schwäbisch Hall der Verräter fehlt.
Unmittelbar voraus ging dieser Szene das letzte Abendmahl am Gründonnerstag. Das wiederum schildern alle vier Evangelien. Im Johannes-Evangelium steht jenes Gespräch, das Leonardo da Vinci als Vorlage zu seiner Abendmahls-Darstellung nahm, bereits im 13. Kapitel, Vers 21 - 30:
Jesus wurde „betrübt  im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ward ihnen bange, von welchem er redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, welchen Jesus liebhatte, der lag bei Tische an der Brust Jesu. Dem winkte Petrus und sprach zu ihm: Sag, wer ist’s, von dem er redet! Der lehnte sich an die Brust Jesu und sprach zu ihm: Herr, wer ist’s?“ (Joh. 13, 21 – 25).
Hier erfährt man im Johannes-Evangelium zum ersten Mal von dem Jünger, den Jesus liebhatte. In unzähligen Abendmahl-Darstellungen sieht man diesen bartlosen Jüngling an Jesu Brust liegen und jeder identifiziert ihn mit Johannes. Es ist auch Johannes, aber nicht Johannes, der Zebedäus-Sohn, sondern Johannes, der Evangelist.
Im Johannes Evangelium gibt es nur drei Personen, von denen es heißt, Jesus hatte sie lieb: Lazarus und seine beiden Schwestern Martha und Maria Magdalena (Joh. 11, 5). Im griechischen Urtext steht dafür das Verb „egapesen“. Das weist auf die Gottesliebe (die Liebe Gottes zu den Menschen) hin, die bereits im Altertum bisweilen von den beiden anderen Formen der Liebe getrennt wurde: Die Gottesliebe „Agape“ steht über der Nächstenliebe (griechisch „Philia“, lateinisch „Caritas“) und über der erotischen Liebe (Eros).
Von der Caritas spricht der Christus im Tempel von Jerusalem, als er seine Jünger und alle Menschen auffordert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Markus 11, 31).
Johannes Hemleben weist in seiner sehr lesenswerten Monografie auch auf das Gespräch hin, das Petrus mit Jesus hat und das im letzten Kapitel des Johannes-Evangeliums (Joh. 21, 15 – 23) geschildert wird:
Jesus fragt Petrus dreimal, ob er ihn liebe. Petrus bejaht dreimal, so wie er Jesus vor der Verurteilung dreimal verleugnet hat. Jedes Mal erhält er zur Antwort: „Weide meine Lämmer!“ Zum Schluss sagt Jesus noch zu Petrus: „Folge mir nach!“
Dabei muss man wissen, dass Simon Petrus und sein Bruder Andreas die ersten beiden Jünger waren, die Jesus am See Genezareth zur Nachfolge berufen hat. Unmittelbar darauf folgen die Söhne des Zebedäus, Johannes und Jakobus der Ältere (Math. 4, 18 – 22). Alle vier waren einfache Fischer. Diese Männer hatten mit Sicherheit nicht die höhere Bildung, über die der Evangelist Johannes verfügte.
Unmittelbar nach der Aufforderung Jesu, ihm „nachzufolgen“ heißt es im Johannes-Evangelium (Joh. 21, 20 – 22): „Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen Jesus liebhatte, der auch an seiner Brust beim Abendessen gelegen hatte und gesagt: Herr, wer ist’s, der dich verrät? Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“
Unmittelbar danach bekennt der „Jünger, den der Herr liebhatte“, dass er es war, der das letzte Evangelium geschrieben hat: „Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaftig ist.“ (Joh. 21, 24)
Dabei fällt die „Konkurrenz-Situation“ zwischen Petrus und dem Jünger, „den der Herr lieb hatte“ auf. Schon in der oben zitierten Stelle aus der Abendmahls-Schilderung scheint Petrus den Jünger an Jesu Brust als Autorität anzuerkennen, wenn er ihn auffordert, den Herrn zu fragen, anstatt ihn gleich selbst zu fragen. Dieser geheimnisvolle Jünger scheint Jesu besonders nahe zu stehen.
Ist der Evangelist gleichzusetzen mit dem Zebedäus-Sohn, der kurz darauf beweist, dass sein Fleisch stärker ist als sein Geist, weil auch er „nicht einmal eine Stunde wachen“ konnte, während Jesu beim Gebet Blut schwitzte? Ist der einfache Fischer Johannes, der Bruder des Jakobus, der Jünger, der das Johannes-Evangelium geschrieben hat, das an den Beginn den Logos oder anders ausgedrückt: den Geist stellt? Ist der einfache Fischer der gleiche, der sich unter den vier Evangelien-Schreibern als der gebildetste und spirituellste zeigt und der auf den gleichen Namen hört?
Hier stehen wir vor einem der Rätsel, welches  uns die vier kanonischen Evangelien bereiten. Um die Annäherung an dieses Geheimnis geht es bei meiner Führung durch Sankt Michael am 21. Juli 2017.

Die nächste Station ist der Sippenaltar in der mittleren der fünf Chorkapellen. Diese Retabel stammt ursprünglich aus der Friedhofskapelle, die der Heiligen Anna geweiht war, und die bei der Erweiterung von Halle und Chor im 15. Jahrhundert abgetragen werden musste. Der Altar, der in der zentralen Achse unmittelbar hinter dem großartigen Hauptaltar eines Antwerpener Meisters steht, zeigt eine der zahlreichen Darstellungen der „Heiligen Sippe“.


Die meisten mittelalterlichen Bildwerke, so auch der Antwerpener Altar, illustrieren Geschehnisse aus der Bibel. Neben der Bibel gab es aber mündliche Überlieferungen, die vorwiegend im 9. Jahrhundert aufgeschrieben wurden. Dazu gehören die zahlreichen Heiligenviten, aber eben auch die Berichte von den Verwandten Jesu, die zum Teil auch in den Evangelien auftreten, ohne dass man mehr über sie erfährt. So erwähnt der Evangelist Johannes drei Frauen, die unter dem Kreuz von Golgatha standen: „Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria des Kleopas Frau, und Maria Magdalena.“ (Joh. 19, 25). Matthäus erwähnt noch weitere Frauen: „Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen, die da Jesus waren nachgefolgt aus Galiläa und hatten ihm gedient; unter welchen war Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus und Joseph, und die Mutter der Kinder des Zebedäus.“ (Math. 27, 55 – 56). Ähnlich lautet die Stelle bei Markus (15, 40 – 41). Hier wird von einer Maria gesprochen, welche „die Mutter Jakobus des Kleinen und des Joses“ war. Außerdem ist von einer „Salome“ die Rede. Salome wird kurz darauf als eine der drei Frauen noch einmal erwähnt, die am Ostersonntagmorgen zum Grab kamen, um Jesus mit Spezereien, die sie noch am Abend zuvor gekauft hatten, zu salben (Markus 16, 1). Lukas kennt sogar neben Maria Magdalena und „Maria, des Jakobus Mutter“ noch eine Johanna (Luk. 24, 10).
Über all diese Frauen erfahren wir in der Bibel wenig. Erst in den Legenden wird ihre genaue Herkunft erklärt. Dort erfährt man, dass Anna, die Mutter der Maria, dreimal verheiratet war und drei Töchter geboren hat, die alle drei auf den Namen Maria hörten.
In der Mitte des Sippen-Altars sehen wir Anna und Maria, die Mutter Jesu, die dem Joseph (genau hinter Maria) anvertraut war. Diese Maria entstammt der Ehe Annas mit Joachim (zwischen Maria und Anna)[3]. Nach Joachims Tod war Anna ein zweites Mal verheiratet, und zwar mit einem Mann namens Kleophas (rechts zwischen Salomas und Alphäus). Aus dieser Ehe ging Maria Kleophas hervor. Zusammen mit ihrem Mann Alphäus (oben ganz rechts) hatte sie vier Söhne: Jakobus den Jüngeren[4], Joseph justus und die zwei späteren Apostel Simon Zelotes und Judas Thaddäus[5]. Schließlich heiratete Anna in dritter Ehe den Salomas (rechts neben Joachim). Die Tochter aus dieser Ehe war Maria Salome, die wiederum mit Zebedäus (ganz links oben hinter Maria Salome) verheiratet war und mit ihm zwei Söhne hatte: Jakobus den Älteren[6] und Johannes.
Auf dieser Darstellung haben alle Frauen bedecktes Haar, wie es sich für verheiratete Frauen im Mittelalter ziemte. Nur Maria, die Magd des Herrn, trägt ihre Haare als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit offen. Die geschnitzten Figuren der Heiligen Sippe entstanden im Jahre 1509 „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ (Wolfgang Deutsch) in der Werkstatt des Bildhauers Hans Beuschers. Leider sind im Laufe der Jahrhunderte zwei Figuren abhanden gekommen: das Jesuskind vom Schoß der Maria und der Johannes-Knabe zu Füßen Maria Salomes.
Damit haben wir den Familienzusammenhang des ersten Johannes Zebedäus geklärt. Es kann dem Betrachter dadurch bewusst werden, dass der spätere Messias in eine umfangreiche Familie geboren wurde, in der es nur so von Kindern wimmelt[7].
Dass Anna die Patronin der Haller Friedhofskapelle war, zeigt an, dass die Verstorbenen der Stammmutter Jesu und ihrer Heiligen Familie nah sein, gewissermaßen im Tode in diese Familie aufgenommen werden wollten.

Als nächstes wenden wir uns der Rückseite des Hauptaltars zu, der in einer Grisaille-Darstellung die Erhöhung der Ehernen Schlange durch Moses zeigt. Diese Darstellung kam viel später, im Jahre 1587, also ca. 120 Jahre nach der Entstehung des vorreformatorischen Antwerpener Altars im Jahre 1460, hinzu und versinnbildlicht eine Grundaussage der Reformation. Auf der Vorderseite zeigt ein Triptichon die Kreuztragung, die Kreuzigung und die Kreuzabnahme Christi mit 47 geschnitzten Figuren und sechs geschnitzten Pferden. Genau hinter dem Kreuz, an dem Christus „erhöht“ wird, „erhöht“ Moses auf der Rückseite die Eherne Schlange.


Die Darstellung geht auf 4. Mose 21, 6 – 9 zurück, wo es im Alten Testament heißt: „Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk und viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Moses und sprachen: wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Moses bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Moses: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“
Den Bezug zwischen der Szene aus dem Alten Testament und der Kreuzigung im Neuen Testament stellt der Evangelist Johannes bereits im 3. Kapitel (1 – 21) her, lange bevor Christus gekreuzigt wird. Dort erzählt er von einem „Obersten unter den Juden“, vom Pharisäer Nikodemus, der Jesus „bei der Nacht aufsuchte“ (Joh. 3, 1). In dem Gespräch geht es um das Thema „Fleisch und Geist“, das schon in der Ölbergszene gestreift wurde. Nikodemus hatte Jesu auf die wirksamen Zeichen angesprochen, die er vollbringt. Christus erklärt, dass man solche nur tun könne, wenn man „von neuem geboren werde“  Erst der, welcher aus dem Geiste neu geboren wird, könne das Reich Gottes „sehen“. Jesus erläutert: „Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“ (Joh.3, 6).
Dann fährt Jesus fort, eines der Zeichen zu erklären, das jedem Schriftgelehrten jener Zeit vertraut war, nämlich die Erhöhung der Ehernen Schlange durch Mose: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet.“ (Joh. 3, 14 – 18).
Martin Luther (1483 – 1546) hat diese Bibelstelle herangezogen um seine zentrale Lehre von der Rechtfertigung zu stützen. Nicht durch gute Werke oder den Ablass-Pfennig sei der Mensch errettet, sondern allein durch den Glauben („Sola Fide“). Es reiche, den gekreuzigten Christus anzuschauen und zu glauben. „Jene, die auf die „eherne Schlange“ blickten, wurden gerettet; jene, die auf das Kreuz blicken, also jene, die glauben, werden erlöst. Luther erläuterte mehrfach in seinen Schriften, dass der Blick auf die Eherne Schlange gleichzusetzen sei mit dem Glauben.“[8]
An dieser Stelle erkennen wir eine der wichtigen biblischen Quellen der Reformation.

So wenden wir uns dem Reformator Schwäbisch Halls zu, der ebenfalls den Vornamen Johannes trägt. Wir betrachten das Epitaph des Geistlichen an der Wand des nördlichen Seitenschiffes. Dort ist auch ein Datum angegeben, das auf einen dritten Johannes hinweist, den Täufer.
Neben Johannes Zebedäus und Johannes dem Evangelisten gelangen wir so zu Johannes dem Täufer, denn Johannes Brenz erhielt seinen Vornamen, weil er an einem  24. Juni geboren wurde, also am Tag des Täufers.
Der Tag des Johannes Evangelista ist der 27. Dezember, der Tag des Johannes Baptista der 24. Juni. Im Volksmund wird jener als „Winter-Hans“, dieser als „Sommer-Hans“ bezeichnet.
Das Besondere am Johannes-Tag ist, dass es sich dabei nicht wie bei den anderen Daten des Heiligenkalenders um den Todestag, sondern um den Geburtstag des Täufers handelt. Johannes wurde exakt sechs Monate vor Christus geboren. Jener erblickte das Licht der Welt an einem der längsten, dieser an einem der kürzesten Tage des Jahres. So sind die Geburten der beiden komplementär in den kosmischen Jahreslauf eingebunden, wenn man bedenkt, dass es sich um die beiden Sonnenwenden handelt, die Sommer- und die Wintersonnenwende.[9]
Dass Johannes der Evangelist, „der Jünger, den Christus liebhatte“, an einem 27. Dezember, also nur drei Tage nach der (traditionellen) Christgeburt, gestorben ist, scheint kein Zufall zu sein. Er war der einzige von allen Jüngern, der unter dem Kreuz stehen konnte. Er nahm im Auftrag Christi Maria „als Mutter“ zu sich (Joh. 19, 26 – 27), zog mit ihr nach Ephesus, wo der große Artemis-Tempel stand, und starb der Legende nach als einziger Jünger hochbetagt mit den Worten „Kindlein, liebet euch untereinander“ mit einer wunderbaren Lichterscheinung eines natürlichen Todes. Er ist der einzige Jünger, von dem es keine Reliquien gibt.
Das Haupt Johannes des Täufers, das Herodias, die Konkubine des Herodes, gefordert und nach dem „Tanz der sieben Schleier“ ihrer Tochter Salome bekommen hat, liegt noch heute in einem Schrein der Johannes-Basilika von Damaskus, die nach der Islamisierung Syriens unter den Umayyaden zwischen 708 und 715 n. Chr. in eine Moschee umgewandelt wurde.
Johannes dem Täufer sind vor allem Baptisterien, also Taufkirchen wie in Pisa oder Florenz, geweiht. Sankt Michael war ursprünglich eine Filialkirche von Sankt Johannes in Steinbach am Kocher. Diese Kirche, die dem Täufer geweiht ist, war wiederum abhängig von Sankt Nikolaus, der Kirche im nahe gelegenen Benediktinerkloster Groß-Comburg.
Johannes Brenz, der nicht nur in Schwäbisch Hall einen „Sinneswandel“ der Bevölkerung herbeiführte, sondern auch in ganz Baden Württemberg unter Herzog Christoph die Reformation einführte, erweist sich als guter Jünger des Täufers, der einst am Jordan mit dem Wort auftrat: „Ändert euren Sinn!“ (Meta Noiete).


Der Reformator wurde am 24. Juni 1499 in Weil der Stadt geboren, einer kleinen Reichsstadt, die damals knapp 1000 Einwohner zählte. In dieser Stadt wurde 72 Jahre später am Tag des Evangelisten Johannes ein anderer berühmter Träger dieses Namens geboren: der bedeutende Astronom und Astrologe Johannes Kepler (27.12, 1571 – 15. 11. 1630).
Johannes Brenz, der älteste Sohn des Weiler Bürgermeisters Martin Hess, ging mit 15 Jahren nach Heidelberg zum Studieren. Schon als Knabe pflegte er kurz nach Mitternacht aufzustehen und in der Wohnstube Bücher zu lesen. Nachdem er die Artistenfakultät durchlaufen hatte, wurde er Magister und unterrichtete daselbst. Nebenher studierte er Theologie und gab die Schriften des Aristoteles heraus. Johannes war ein „vir trilinguis“: er beherrschte die drei biblischen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch. Einer der ersten "Dreisprachler" im 15. Jahrhundert war der bekannte Pforzheimer Humanist Johannes Reuchlin (1455 – 1522)[10], der von 1496 – 1498 ebenfalls in Heidelberg wirkte. Am 26. April 1518 lernte Johannes Brenz Martin Luther bei einer Disputation in Heidelberg persönlich kennen und blieb ein Leben lang mit ihm befreundet, genauso wie mit dessen Wittenberger Weggefährten Philipp Melanchthon (1497 – 1560) aus Bretten, einem Großneffen Reuchlins, der später den Ehrennamen  „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) erhielt.
1522 wurde Brenz an die Stadtkirche Sankt Michael in der reichen Salzstadt Schwäbisch Hall berufen, wo er Stadtpfarrer wurde. Zwei Jahre später bekam er „einen zweiten Johannes“ zum Kollegen: Johannes Isenmann (um 1495 – 1674), ein Freund, der ebenfalls in Heidelberg studiert hatte und wie Brenz den Ideen Martin Luthers gegenüber aufgeschlossen war. Zusammen mit Michael Gräter, der Pfarrer an der Kirche Sankt Katharina in der Haller Katharinen-Vorstadt wurde, führte er Schritt für Schritt und ohne Gewalt die Reformation in der reichen Stadt ein.
Ein wesentlicher Schritt dabei war die erste Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein, welche die beiden Johannes,  Johannes Brenz und Johannes Isenmann, am Dreikönigsaltar in einer nördlichen Seitenkapelle Sankt Michaels am Weihnachtsabend des Jahres 1526 zelebrierten.
 Zum endgültigen Bruch mit der katholischen Kirche kam es, als Johannes Brenz im Jahre 1530 die Schwester seines Kollegen Michael Gräter und Witwe des Haller Ratsherrn Hans Wetzel, Margarete Gräter, heiratete, deren Epitaph gleich neben dem ihres Ehemannes hängt. Mit ihr hatte Brenz fünf Töchter und einen Sohn. An seinem 49. Geburtstag, am  24. Juni 1548, musste Brenz aus Schwäbisch Hall fliehen. Die Stadt war im Schmalkaldischen Krieg von den Truppen des streng katholischen Kaisers Karl V., der im Auftrag des Papstes Martin Luther und die Protestanten seit dem Reichstag zu Worms 1521 verfolgte, besetzt worden.
Später wurde Brenz, der 1530 auch am Reichstag zu Augsburg teilgenommen und zusammen mit Philipp Melanchthon das „Augsburger Bekenntnis“, die zentrale protestantische Bekenntnisschrift, verfasst hatte, unter Herzog Christoph von Württemberg herzoglicher Ratgeber und Stiftsprobst an der Stuttgarter Stiftskirche. In Stuttgart starb Johannes Brenz, „Luthers Mann in Süddeutschland“, am 11. September 1570.
Nach dem Tod seiner ersten Frau Margarete hatte er 1550 noch einmal geheiratet. Seine zweite Frau hieß wie seine Mutter Katharina und war wie seine erste Frau Margarete eine Nichte seines Haller Kollegen Johannes Isenmann.
Die Namen Margarete (Tag: 20. Juli) und Katharina (Tag: 25. November) sind also dem Haller Reformator wohl vertraut.
Namen waren damals immer mit den entsprechenden Heiligen oder Märtyrern verbunden. In der Regel erhielten Neugeborene die Namen des Tagesheiligen ihres Geburtstages. Das war auch bei Martin Luther der Fall, der an einem 10. November geboren und am darauffolgenden Tag, an Sankt Martin (11. November) getauft worden ist. Wegen der großen Kindersterblichkeit im ausgehenden Mittelalter war das üblich und blieb bis ins 20. Jahrhundert in katholischen Regionen Brauch. In evangelischen Gegenden wurden die Heiligen-Verehrung und der Marien-Kult nach der Reformation abgeschafft.

Die nächste Station unserer Kirchenbesichtigung  ist der Dreikönigsaltar, an dem Johannes Brenz und Johannes Isenmann am 24. Dezember 1526 zum ersten Mal in Schwäbisch Hall das lutherische Abendmahl gefeiert haben.
Auf dem Dreikönigsaltar, den der Würzburger Vikar Kilian Kempffennagel 1521 gestiftet hat, sind neben der Anbetung der heiligen drei Könige nach Matthäus die Jünger Johannes mit dem Kelch (links oben), Andreas mit dem X-förmigen Andreaskreuz (oben rechts), der Apostel Petrus (unten links) und Paulus (unten rechts) dargestellt. Zwischen Peter und Paul sind die drei Frankenapostel, die Iroschotten Kilian (in der Mitte) und rechts und links von ihm der Diakon Totnan und der Priester Colonat zu sehen. Alle drei folgten der strengen Regel des Columban.



Kilian (Tag: 8. Juli) kam im 7. Jahrhundert ins damalige Thüringen um die Heiden zu missionieren. Dabei machte er dem Herzog Gozbert den Vorwurf, dass er seine Schwägerin Geilana zur Konkubine genommen hatte. Diese rächte sich dann bitter an den drei christlichen Missionaren und ließ sie während des Gebetes in einer Kapelle enthaupten. Die Kapelle ließ sie niederreißen und an ihrer Stelle einen Pferdestall errichten. Die Pferde scheuten jedoch vor dem blutigen Boden. Schließlich entdeckte man die Leichname und errichtete über dem Grab das Neumünster, Würzburgs älteste Kirche.
Die Geschichte erinnert stark an die von Johannes dem Täufer, der seine Vorwürfe gegen den König Herodes, der das Bett mit seiner Schwägerin Herodias teilte, mit der Enthauptung büßte. Der Todestag Johannes des Täufers ist der 29. August. Er war in Irland ein hoher Feiertag, vergleichbar nur mit Karfreitag. Dem Vorläufer Christi galt die besondere Verehrung auf der grünen Insel.
Sankt Michael gehörte ursprünglich zum Bistum Würzburg. Am 10. Februar 1156 hatte der Bischof von Würzburg die Michaelskirche als Filialkirche der Johanneskirche von Steinbach geweiht. Die dem Täufer geweihte Kirche liegt auf einem Kalksinterfelsen über dem Kocher unmittelbar neben dem Umlaufberg, auf dem die ehemalige Benediktinerabtei Groß-Comburg wie eine Gralsburg in den Himmel ragt.

Vom Dreikönigsaltar begeben wir uns in das erste Turmgeschoss, in dem sich die romanische Magdalenen-Kapelle mit ihren wunderbaren Fresken befindet.
An der Westwand mit der Turmuhr stehen links und rechts des Fensters Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist mit ihren Attributen: der Täufer hat eine Scheibe mit dem Lamm, der Evangelist ein Buch in der Hand.


An der Nordwand sehen wir links des Fensters die Heilige Katharina mit dem Rad, rechts die Himmelfahrt Maria Magdalenas. An der Ostwand schließlich ist jene Osterszene abgebildet, in der Maria Magdalena am Ostermorgen dem Auferstandenen begegnet und ihn zunächst für den Gärtner hält. Als er sie bei seinem Namen ruft, erkennt sie ihn und will ihn berühren. Christus aber spricht: „Noli me tangere!“ (Berühre mich nicht!).[11]
Katharina gehört mit Barbara, der Patronin der Sterbenden und Margareta, der Patronin der Gebärenden zu den drei „virgines capitales“. Diese genossen im Mittelalter eine besondere Verehrung und so entstand der Spruch:
„Die Bärbel mit dem Turm, die Katrin mit dem Radl, die Margret mit dem Wurm: Das sind unsere heiligen drei Madl.“
Katharinas Rad kann als Rad des Lebens gedeutet werden.
Die Heilige Katharina von Alexandria war eine hochgebildete Jungfrau, die der Legende nach 50 Philosophen, die der römische Kaiser Maxentius kommen ließ, widerlegte und zum Christentum bekehrte.



Erstaunlich ist, dass in dieser Kapelle, die auch als Kaiserempore gedeutet wird, nicht nur die beiden Johannes, sondern auch zweimal Maria Magdalena (Tag: 22. Juli) dargestellt ist. Der Legende nach fuhr die „Apostola Apostolorum“ (Thomas von Aquin) an einem Ostersonntag, getragen von sechs Engeln, leiblich in den Himmel auf. Diese „Himmelfahrt“ ist in vielen Darstellungen überliefert, so zum Beispiel auch auf dem Magdalenen-Altar des See-Meisters in der Haller Johanniter-Kirche, in der seit 2008 die Sammlung „Alte Meister“ des Künzelsauer Unternehmers und Mäzens Reinhold Würth untergebracht ist. Dabei wird Magdalena, die 30 Jahre lang im Sainte-Baume-Gebirge in der Nähe der Stadt Aix-en-Provence als Einsiedlerin gelebt hat, am ganzen Körper behaart dargestellt. Diese starke Körperbehaarung geht offenbar auf einen genetischen Defekt zurück und ist auch bei einem anderen Heiligen zu beobachten, der auf der Rückseite des Dreikönigsaltars dargestellt ist: Es handelt sich um Onuphrius (Tag: 10. Juni), den der Welfenherzog Heinrich der Löwe besonders verehrt hat.
Der Leib der Maria Magdalena ruhte zuerst in der Kathedrale von Aix-en-Provence, wurde aber nach deren Zerstörung nach Vezelay gebracht, wo er bis heute verehrt wird.
Maria Magdalena ist aus den Evangelien bekannt als eine der Schwestern des Lazarus. Die andere Schwester ist Martha (Tag: 29. Juli).

Nun ist es Zeit, das Geheimnis des bartlosen Jünglings zu erhellen, der an der Westwand der Magdalenen-Kapelle dem Täufer gegenübersteht und mit dem Evangelisten Johannes identifiziert wird. Solche Gegenüberstellungen waren im Mittelalter häufig. Die berühmteste ist die Kreuzigungsszene aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, auf der der Evangelist links unter dem Kreuz, die das Bewusstsein verlierende Maria haltend, und der Täufer rechts unter dem Kreuz mit einem Lamm zu seinen Füßen und mit dem rechten Zeigefinger auf den Gekreuzigten zeigend, dargestellt sind.
Hier hilft eine genaue Lektüre der Evangelien weiter.
Bei Matthäus (19, 16 – 26), bei Markus (10, 17 – 27) und bei Lukas (18, 18 – 27) wird im Wesentlichen übereinstimmend die Begegnung Jesu mit einem Menschen erzählt, dessen Namen – anders als beim schon erwähnten „Nikodemus-Gespräch“ aus dem Johannes-Evangelium – an keiner Stelle genannt wird.
Johannes Hemleben weist im dritten Kapitel  seiner Johannesmonographie darauf hin, dass Matthäus den Mann an zwei Stellen „neaniskos“ nennt, das heißt „Jüngling“ (Math. 19, 20 und Math. 19, 22). Dieser Jüngling ist sehr reich und fragt Jesus, was er tun könne, um „das ewige Leben“ zu erlangen. Jesus verweist zuerst darauf, die Gebote einzuhalten und er zählt einige auf: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Math. 19, 18 – 19). Der Jüngling sagt, dass er diese alle gehalten habe. Darauf schlug Jesus dem Jüngling vor, seine Güter zu verkaufen und das Geld den Armen zu geben. Daraufhin heißt es: „Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viele Güter“ (Math. 19, 22). Nun folgt bei allen drei Synoptikern das berühmte Wort Jesu: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Math. 19, 24).
In der Theologie ist man deshalb übereingekommen, dieser Erzählung den Titel „Der reiche Jüngling“ zu geben.
Lukas nennt den „reichen Jüngling“, der Jesus die Frage stellt, wer denn sein Nächster sei, einen „Nomikos“, einen Gesetzeskundigen oder Schriftgelehrten (Luk. 10, 25). Dann folgt bei Lukas als Antwort Jesu auf die Frage das Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“.
Nur Lukas erzählt im 16. Kapitel eine Geschichte, in der es um die Beziehung eines reichen Mannes zu einem armen Mann geht. Der arme Mann trägt den Namen „Lazarus“ (Luk. 16, 19 – 31).
Nur Markus ergänzt an einer Stelle den Bericht des Matthäus und fügt einen Satz ein, der auch nicht bei Lukas steht: „Und Jesus sah ihn an und liebte ihn.“ (Mar. 10, 21). Hemleben betont: „Hier, allein an dieser Stelle wird das Wort gebraucht, das sonst nur für die Beziehung Jesu zu Lazarus, zu seinen Schwestern Martha und Maria und zu dem Lieblingsjünger im Johannes-Evangelium verwandt wird: ‚den er lieb hatte‘“[12].
Es war, so sagt Hemleben, der Schweizer Theologe und Philosoph Johannes Kreyenbühl, der im ersten Band seines zweibändigen Werkes über das Johannesevangelium mit dem Titel „Das Evangelium der Wahrheit – Neue Lösung der Johanneischen Frage“ zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen Lazarus und Johannes dem Evangelisten herstellt. Das Buch wurde im Jahr 1900 veröffentlicht. Aber Hemleben fährt fort: „Erst Rudolf Steiners Kapitel über das Lazarus-Wunder in seinem 1902 erschienenen Buch „Das Christentum als mystische Tatsache“ bringt die Lösung.“
Steiner weist im Zusammenhang mit den Initiationsriten in den antiken Mysterien darauf hin, dass die „Erweckung“ des Lazarus in Wirklichkeit eine Einweihung war, die der Christus selbst als Hierophant an dem Neophyten Lazarus, der drei Tage in einem todesähnlichen Schlaf im Grabe lag, vollzogen habe. Es war die Antwort auf die Frage des „reichen Jünglings“, den Hemleben mit Lazarus identifiziert, nach dem „ewigen Leben“. Da diese Einweihung öffentlich und nicht, wie üblich, im „Verborgenen“ geschehen war, galt sie den Juden als „Mysterienverrat“. Das sei laut Steiner der wahre Grund dafür gewesen, dass sie beschlossen, Jesus zu töten. So heißt es unmittelbar nach der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus, die nur Johannes im 11. Kapitel seines Evangeliums bringt, folgerichtig: „Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“ (Joh. 11, 53).
Nach der Einweihung in Bethanien bekam Lazarus nach den Erkenntnissen Rudolf Steiners den Namen des Jüngers, den der Herr lieb hatte: Johannes (= „Gott ist gnädig“).




[1] Die Ölberg-Gruppe findet sich an vielen Kirchen, meistens außen, manchmal auch innen. Eigentlich handelt es sich um die Szene im Hof beziehungsweise Garten Gethsemane, die bei Matthäus im 26. Kapitel (36 – 46), bei Markus im 14. Kapitel (§2 – 42) und bei  Lukas im 22. Kapitel (39 – 46) unmittelbar vor Jesu Gefangennahme geschildert wird. Nur bei Johannes fehlt diese Szene. (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lberggruppe)
[2] In Ephesus sollte Johannes einen Kelch leertrinken, in dem Wein mit Gift vermischt war. Vor ihm hatten andere Männer daraus getrunken und waren tot umgefallen. Johannes macht das Kreuzeszeichen über dem Kelch. Das Gift entweicht in Gestalt einer Schlange und Johannes trinkt den Kelch leer, ohne Schaden zu nehmen.
[3] „Die Eltern Marias, Anna und Joachim, werden zum ersten Mal um die Mitte des 2. Jahrhunderts in dem apokryphen Proto-Evangelium des Jakobus genannt. Seit dem 9. Jahrhundert wurde die Familie Mariens dann zur Heiligen Sippe erweitert durch die Legende von der dreimaligen Heirat Annas, die sogenannte Trinubiumslegende (…) Die Trinubiumslegende verbreitete sich im 12., besonders aber im 13. Jahrhundert durch eine historische Enzyklopädie des Dominikaners Vinzenz von Beauvais (gest. 1264) und im Anschluss daran durch die Legenda aurea. Die Sippendarstellungen erlebten ihre Blütezeit  vom 15. bis ins frühe 16. Jahrhundert, dank einer Annenvision der hl. Colette (1380 – 1447). Sie wurden seltener, als das Konzil von Trient die Trinubiumslegende gegen Mitte des 16. Jahrhunderts verbot.“ Wolfgang Deutsch, „Die Denkmale der Michaelskirche einst und jetzt“ in „Sankt Michael in Schwäbisch Hall“ Swiridoff-Verlag, Schwäbisch Hall 2006 (anlässlich des 850. Jubiläums der Stadt Hall), S. 135. Siehe auch: http://www.musicksmonument.com/Holy_Kinship_Maastricht/Die_heilige_Sippe.html
[4] Jakobus Minor war ein Apostel Christi und sorgte bisweilen für Verwirrung. Als die Pilger nach Santiago durch Toulouse in Südfrankreich kamen, gelangten sie in der dortigen Klosterkirche Saint Sernin, eine der großen Pilgerkirchen am Jakobsweg, an das Grab eines Jakobus. Es handelte sich aber nicht um den Zebedäus-Sohn, sondern um den Alphäus-Sohn. Aber bisweilen fragten sich die Pilger schon, welcher denn nun „der wahre Jakob“ sei. Die Redensart ist bis heute gebräuchlich.
[5] Beide haben ihren Tag am 28. Oktober. Judas Thaddäus war der Schreiber der letzten Epistel des Neuen Testamentes, des kurzen Judas-Briefes.
[6] Jakobus Major war der erste Apostel, der im Jahre 44 n. Chr. das Martyrium erlitt. Er wurde enthauptet. Sein Leichnam wurde in ein Boot gelegt, das vom Wind getrieben, bis nach Galizien an der Westküste Spaniens gelangte. Dort errichtete man über seinem Grab eine Kirche, die später zu dem berühmten Wallfahrtsort Santiago de Compostella wurde. Jakobus ist der Patron der Pilger und trägt als Attribut häufig eine Jakobsmuschel. Schwäbisch Hall hatte einst ebenfalls eine Jakobskirche (die Kirche des ehemaligen Franziskanerklosters) und liegt deshalb an einem der süddeutschen Jakobswege, die heute noch (oder: wieder) benutzt werden.
[7] Bei all diesen Familienzusammenhängen muss zunächst unberücksichtigt bleiben, dass um die Zeitenwende nicht nur eine, sondern zwei „Heilige Familien“ existierten: die Familie, die am Anfang des Lukas-Evangeliums, und die Familie, die am Anfang des Matthäus-Evangeliums beschrieben wird. Auch hier waltet ein Geheimnis. Die Familie des Lukasknaben, zu dem die Hirten kommen, stammt aus Nazareth in Galiläa (Luk. 2, 4). Sie zieht wegen der Volkszählung unter Kaiser Augustus in die Stadt Bethlehem, wo sie wegen der Fülle der Menschen nur in einem Stall eine „Herberge“ findet, in dessen „Krippe“ das Neugeborene gelegt wird (Lukas 2, 7). Die Familie des Matthäusknaben, zu dem die „Magier“ kommen, wohnt in einem "Haus" in Bethlehem (Math., 2, 11). Sie muss wegen der Wut des Herodes nach Ägypten fliehen und zieht nach dem Tod des Monarchen nach Nazareth „ins galiläische Land“ um (Math. 2, 22). Auch differieren die Stammbäume der beiden Jesusknaben: Math. 1, 2 – 17 geht über 14 Glieder von Abraham bis König David, und dann über Salomon (mit einer Lücke von vier Königen) in 28 Generationen bis zu „Joseph, den Mann der Maria“. Lukas 3, 23 – 38 führt den Stammbaum in rückläufiger Richtung von Joseph über Nathan – nicht Salomon – zurück auf König David, den ersten gemeinsamen Vorfahren, und dann bis zu Adam, „der war Gottes“ (Luk. 3, 38).
[8] Dr. Armin Panter, Leiter des Hällisch-Fränkischen Museums in Schwäbisch Hall in „Orte der Reformation – Schwäbisch Hall“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 2017, S. 49
[9] So kann man auch das Täufer-Wort verstehen, wenn er nach Johannes 3, 30 sagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“
[10] Johannes Reuchlin verkehrte gern in dem Heidelberger Humanisten-Kreis um Jakob Wimpheling. Er war mehrmals in Rom und Florenz, so zum Beispiel auch im Jahre 1498. Dort besuchte er die florentinischen Neuplatoniker Pico della Mirandula und Marsilio Ficino, die in einer Villa bei Florenz eine Art „Platonische Akademie“ gründeten.
[11] Weil Maria Magdalena die erste war, die dem „Auferstandenen“ begegnete, war sie bei den Gläubigen besonders beliebt. Die Auferstehung von den Toten ist ja das große Versprechen der christlichen Kirche aller Konfessionen. In Ellwangen an der Jagst wurde in den vergangenen Jahren (2012 – 2015) in einer mehrjährigen Grabung ein großer Friedhof auf dem Marktplatz südlich der Sankt-Vitus-Basilika ausgegraben. Inmitten dieses mittelalterlichen Gottesackers fand man die Fundamente einer romanischen Kirche, die der Heiligen Magdalena geweiht war. So wie die Verstorbenen der Urmutter der Heiligen Familie, Anna, im Tode nahe sein wollten, wie in Schwäbisch Hall durch die Friedhofskapelle belegt ist, so wollten die Ellwanger Christen der Frau nahe sein, die den Auferstandenen als erste gesehen hat.
[12] egapesen

Freitag, 7. Oktober 2016

Nero – eine Ausstellung in der ehemaligen Kaiserstadt Trier 2016 und der Beginn der Karma-Forschung in der ehemaligen Kaiserstadt Wien 1889


Das Schicksal Kaiser Neros (37 – 68 n. Chr.) und des habsburgischen Kronprinzen Rudolf von Habsburg (1858 – 1889), die beide beinahe auf den Tag genau in ihrem 31. Lebensjahr durch Selbstmord endeten, beschäftigt mich weiter. Ich habe eben den fünften Vortrag aus dem Zweiten Band der „Esoterischen Betrachtungen karmischer Zusammenhänge“ (GA 236) vom 27. April 1924 wieder gelesen, in dem Rudolf Steiner – nach mindestens 35 Jahren Geistesforschung – zum ersten Mal über diese Individualität spricht. In seinen einleitenden Worten berührt mich sein Appell an den Enthusiasmus, das Wunderbare im Alltäglichen zu bemerken:
„Das ist es ja, wonach von diesem Rednerpulte aus so oft der Seufzer ertönt ist: Man möge innerhalb anthroposophischer Kreise Enthusiasmus haben für das Suchen, Enthusiasmus haben für das, was eben im anthroposophischen Streben drinnenliegt. Und dieser Enthusiasmus muss wirklich damit beginnen, das Wunderbare in der Alltäglichkeit (kursiv: JS) wirklich als etwas Wunderbares zu ergreifen.“
Dieser  „Enthusiasmus“ für die kleinen Wunder jeden Tages, den hier Rudolf Steiner dreimal "seufzend" beschwört, ist für mich im Grunde der Kern allen anthroposophischen Strebens. Denn „Dann wird man eben (…) erst versucht sein, zu den Ursachen, zu den tiefer liegenden Kräften zu greifen, die dem uns umgebenden Dasein zugrunde liegen.“ (Ausgabe Dornach 1988, S 83)
Die Nero-Ausstellung, die ich am „Tag der Deutschen Einheit“ mit meiner russischen Freundin in der einstigen Kaiserstadt Trier erleben durfte, wirkt mächtig in mir fort. 
Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, den Katalog, den ich mir dort gekauft habe, zu studieren. Vor mir liegt das erste Buch, das die vorgestern (am 4.10.) mit 86 Jahren in Wien verstorbene deutsch-österreichische Historikerin Brigitte Hamann im Jahre 1978 über den „Kronprinz Rudolf“ verfasst hat, in der Neuauflage von 2005 (7. Auflage September 2015), die ich am 18. August in der Buchhandlung des Klosters Ettal bei Pater Michael gekauft habe. Das einzige Buch, das ich während unserer gemeinsamen Reise im August auf den Spuren Sissis und König Ludwigs II. dabei hatte, (siehe meinen Blog: http://jwsreise.blogspot.de/2016/08/ein-besuch-in-schloss-linderhof-konig.html) war eben Brigitte Hamanns drei Jahre später (1981) publizierte Biographie der Mutter von Kronprinz Rudolf: „Elisabeth. Kaiserin wider Willen“. Vor der Reise las ich daraus das 10. Kapitel mit dem Titel „Adler und Möwe“, das sehr gut das liebevolle Verhältnis der acht Jahre älteren Elisabeth zu ihrem Cousin Ludwig beschreibt: Sissi war „die Möwe“, Ludwig „der Adler“.
Warum erwähne ich all diese – scheinbar unwichtigen – Details? Eben aus jenem Enthusiasmus heraus, den ich den „Wundern des Alltags“ schulde.
In meinem Bericht von der „Schweizer Reise“ hatte ich schon begonnen, über „karmische Bezüge“ zwischen den damals verkörperten Menschen um Ludwig II. nachzudenken. Das konnte natürlich nur sehr rudimentär geschehen. Aber es ist ein Anstoß aus persönlichem Erleben gewesen. Und ich bin entschlossen, diesen Impuls weiter zu verfolgen. Es ist ganz klar, dass Kronprinz Rudolf zu diesem Kreis dazu gehört. Und es ist eine große Hilfe, dass wir durch Rudolf Steiner den wertvollen Hinweis auf die frühere Inkarnation dieser Individualität in dem erwähnten Karma-Vortrag vom 27. April 1924 überliefert haben.
Hinzuzuziehen wäre bei einer weiteren Erforschung der Zusammenhänge die mutige Untersuchung von Frank Berger über die Schicksale der Musiker der Jahrhundertwende und ihres schicksalsmäßigen Zusammenhangs mit der römischen Kaiserzeit, die er 2011 unter dem Titel „Bruckner, Mahler, Schönberg – eine karmische Spurensuche“ im Verlag Freies Geistesleben vorgelegt hat.
1978, das Jahr, in dem die Rudolf-Biographie von Brigitte Hamann erschien, habe ich an der Universität Stuttgart mein Studium mit dem Staatsexamen in den Fächern Germanistik und Geographie abgeschlossen und habe anschließend – statt mein Referendariat zu machen – zwei Jahre lang das Lehrer-Seminar beim Bund der Freien Waldorfschulen auf der Stuttgarter Uhlandshöhe besucht, das im Oktober des Jahres begann. 

Solch ein Satz, den ich bereits im Vorwort von Brigitte Hamanns Biographie von Kronprinz Rudolf lese, macht mich hellhörig: „Als 1888 Rudolfs Freund und Vorbild, der deutsche Kaiser Friedrich III., nach nur 99tägiger Regierung starb, endeten Rudolfs Träume von einem friedlichen, liberalen Europa.“ (S 11f).
Dieses Jahr 1888 muss ein besonderes Schicksalsjahr gewesen sein. Im (protestantischen) zweiten deutschen Reich herrschten in diesem Jahr drei Kaiser und deshalb heißt dieses Jahr in der Geschichte auch das „Dreikaiserjahr“. In diesem Jahr malte in Sankt Petersburg der russische Maler Smirnow, wie erwähnt, das in der Trierer Ausstellung gezeigte Monumentalgemälde „Neros Tod“, das auch in der Juni-Nummer des Geschichtsmagazins „Geschichte“ abgedruckt ist, das ich im Vorfeld der Ausstellung gekauft und später auch als Vorbereitung auf den Besuch gelesen habe.
Rudolf Steiner weist darauf hin, dass Kronprinz Rudolf noch zwei Tage vor seinem Doppel-Selbstmord, am 27. Januar 1889, dem Nachfolger des im Jahr zuvor verstorbenen Kaisers, Wilhelm II., bei einem Empfang in Wien zum Geburtstag gratulierte. Rudolf Steiner erzählt:
„Wie gesagt, als dieses Ereignis, das so erschütternd dazumal gewirkt hat, sich eben vollzogen hatte, war ich auf dem Wege zu Schröer. Ich bin nicht wegen dieses Ereignisses hingegangen, sondern ich war auf dem Wege zu Schröer. Es war sozusagen der nächste Mensch, mit dem ich über diese Sache sprach. Der sprach ganz unmotiviert: „Nero“ – so dass ich mich eigentlich fragen musste: Warum denkt der gerade jetzt an Nero? – Er leitete das Gespräch gleich ein mit „Nero“. Es erschütterte mich das Wort „Nero“ dazumal. Aber es erschütterte (kursiv: J.S.) mich um so mehr, als dieses Wort „Nero“ unter einem besonderen Eindrucke gesprochen war, denn zwei Tage vorher war ja, das ist auch öffentlich ganz bekannt geworden, eine Soiree bei dem damaligen deutschen Botschafter in Wien, bei dem Prinzen Reuß. Da war der österreichische Kronprinz auch anwesend und Schröer auch, und er hatte dazumal gesehen, wie der Kronprinz sich verhalten hat, zwei Tage vor der Katastrophe. Und dieses merkwürdige Verhalten zwei Tage vor der Katastrophe bei jener Soiree, was Schröer sehr dramatisch schilderte, und dann der Selbstmord zwei Tage darnach: dieses im Zusammenhange damit, dass da das Wort „Nero“ ausgesprochen wurde, das war etwas, was schon so wirkte, dass man sich sagen konnte: Jetzt liegt eine Veranlassung vor, den Dingen nachzugehen.“ (a.a.O. S 88 f)
In seiner üblichen Bescheidenheit weist Steiner an dieser Stelle am 27. April 1924 daraufhin, wie er 35 Jahre vorher mit seiner Karma-Forschung begonnen hatte. Thomas Meyer hat in seiner grundlegenden Untersuchung „Rudolf Steiners eigentliche Mission“, die ich vermutlich irgendjemandem ausgeliehen und nicht mehr zurückbekommen habe und deshalb seit Wochen vergeblich in meiner Bibliothek suche, auf diesen entscheidenden Moment deutlich hingewiesen.
Während ich eben das Zitat aus der Mitschrift des Vortrages niederschrieb, stolperte ich über das dreimal vorkommende Wort „erschütterte“ bzw. „erschütternd“. Es war mein hochverehrter Germanistik-Professor Heinz Schlaffer, der mich vor ungefähr 40 Jahren lehrte, auf solche Ausdrücke zu achten. Ich glaube, er benutzte selbst das Beispiel „erschüttern“ in einem literarischen Zusammenhang und erklärte, dass man sich bewusst machen solle, dass mit dieser Formulierung in literarischen Texten ein tiefgreifender Eindruck auf die Seele der betreffenden Figur ausgedrückt werde, der sein ganzes Leben ändern kann.
„Du musst dein Leben ändern“ heißt ein Buch des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk aus dem Jahre 2009, das mir gestern (6.10) bei der Suche nach der „eigentlichen Mission“ ebenfalls in die Hände geriet, genau wie jenes andere Buch, in dem ich gestern vor dem Einschlafen noch zu lesen begann: „Verwandeln des Lebens“ von Andrej Belyj
Zuvor war ich in der Einleitung zum Katalog zur Trierer Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ im Aufsatz von Marcus Reuter, dem Leiter des „Rheinischen Landesmuseums Trier“, auf folgende Aussage gestoßen:
„Auch für den griechischen Autor Pausanias (ca. 115 – ca. 180) stand die Schlechtigkeit der neronischen Herrschaft außer Frage, er sah allerdings die Ursachen dafür in einer fehlgeleiteten Erziehung des Kaisers. Nero war seiner Meinung nach ein Beispiel für die Behauptung Platos, dass großes Unrecht „nicht von gewöhnlichen Menschen ausgeht, sondern von einer edlen Seele, die durch eine missratene Erziehung verdorben ist.“ (Katalog, Seite 18).
So gelange ich über Nero zu Plato, der ja, wie der Kenner weiß, im 19. Jahrhundert als Karl Julius Schröer wiederverkörpert wurde, nachdem er im Mittelalter schon einmal als Roswitha von Gandersheim auf Erden gewandelt war.
An jenem Abend, von dem Rudolf Steiner in seinem Karmavortrag erzählt, als er bei Karl Julius Schröer durch den Ausspruch „Nero“ so erschüttert wurde, dass er seine Karmaforschungen begann, hatten sich also die zwei bedeutendsten antiken Philosophen in Wien wieder getroffen: der Lehrer (Plato) und der Schüler (Aristoteles).
Im zweiten Aufsatz des Kataloges mit dem Titel „Neros Weg zur Macht“ spricht Jürgen Malitz, ein Historiker der Katholischen Universität Eichstätt, auch über den „mütterlichen Ehrgeiz“ von Neros Mutter Agrippina, die neben dem römischen Philosophen Seneca[1] wohl hauptsächlich für die Erziehung des jungen „Kronprinzen“ zuständig war. Malitz führt aus:
„Agrippina bemühte sich von Anfang an um das Wohlwollen des neuen princeps, umgekehrt achtete aber auch Claudius sehr auf seine Nichte, die schon aufgrund ihres Vaters Germanicus in der römischen Öffentlichkeit präsent war – und eben auch einen Sohn hatte. Claudius hatte aus seiner Ehe mit Messalina ebenfalls einen Sohn, den im Jahre 41 geborenen Britannicus. Ein Beispiel für Agrippinas geschickte Förderung ihres Sohnes war Neros erster öffentlicher Auftritt beim sogenannten Trojaspiel (Lusus Troiae) im Jahre 47, einem Reiterspiel der adligen Jugend – offenbar die einzige Berührung Neros mit den militärischen Aspekten der „Prinzenerziehung“. Der Enkel des Germanicus, der Ururenkel des Augustus erhielt rauschenden Beifall, deutlich mehr als der kleine Britannicus. (…) Kaum ein Jahr nach Neros Auftritt beim Trojaspiel wurde Messalina auf Befehl des Claudius als Ehebrecherin und Verschwörerin getötet. (…) Es ging Messalina bei allem, was sie tat, um die Sicherung der Nachfolge ihres Sohnes Britannicus; (…) Claudius war sich vollkommen darüber im Klaren, dass die verwitwete Agrippina durch eine weitere Ehe mit einem standesgemäßen Aristokraten eine Bedrohung für die Ansprüche seines Sohnes darstellte. Er hat sich am Ende dazu entschlossen, seine Nichte (Agrippina) zu heiraten. (…) Die angeblichen Verführungskünste der jungen Witwe und die Ratschläge seiner Höflinge haben sicher nicht den Ausschlag bei dieser Entscheidung gegeben. Claudius hatte erkannt, dass die unbarmherzig ehrgeizige Tochter des Germanicus allein durch eine Ehe mit dem princeps selbst unter Kontrolle gebracht werden konnte. Kein anderer als Claudius durfte im Jahr 49 der Stiefvater Neros werden. Wie sehr Agrippina alles bedacht hatte, was ihrem Sohn und ihr selbst von Vorteil sein könnte, zeigt die für zeitgenössische Verhältnisse ganz ungewöhnliche Entscheidung, im Jahre 49 die bisherigen Erzieher (…) abzulösen und die jetzt anstehende ‚gymnasiale‘ Ausbildung Neros nicht irgendeinem renommierten ‚Fachlehrer‘ (…) anzuvertrauen, sondern einem stadtbekannten römischen Intellektuellen und Schriftsteller: Lucius Annaeus Seneca. (…) Gleich nach der eigenen Hochzeit mit dem princeps kümmerte sich Agrippina um die Anbahnung der Ehe ihres Sohnes mit der damals etwa zehnjährigen Octavia, der Tochter des Claudius. (…) Im Jahre 53 heiratete der fünfzehnjährige Nero die damals etwa zwölfjährige Octavia, die Tochter des princeps. Wer wollte, konnte sich an den jungen Marcellus erinnern, Augustus‘ ersten Schwiegersohn. Eine weitere Steigerung von Neros Status als ‚Kronprinz‘ war im Rahmen der augusteischen Tradition nicht mehr denkbar – nur eingeschränkt durch den möglichen ‚Doppelprinzipat‘ mit Britannicus (…). Spätestens in das Jahr der Hochzeit sind Neros Auftritte im Senat zu datieren. Er plädierte – in griechischer Sprache – erfolgreich für die Streichung der steuerlichen Abgaben Troias, der Heimat des Aeneas, des Stammvaters der Römer. Einem jungen Redner, der sich direkt auf die Verwandtschaft mit Augustus (…) berufen konnte, stand das eher an als Britannicus, der ohnehin zu jung gewesen wäre für einen solchen Auftritt.“ (Katalog, verschiedene Seiten).
Also ist auch hier immer wieder die Rede vom „Kronprinz“.
Nun ist es interessant, was der österreichische Anthroposoph Ludwig Graf Polzer-Hoditz, dessen Bruder  Artur 1917 Kaninettschef des letzten Kaisers war,  in seinem 1928 zum ersten Mal veröffentlichtem „Opus Magnum“ (Thomas Meyer), „Das Mysterium der europäischen Mitte“, das 2012 im Basler Perseus-Verlag unter dem Titel „Der Untergang der Habsburgermonarchie und die Zukunft Mitteleuropas“ wieder aufgelegt wurde, in dem Kapitel IV („Der Abgrund zwischen den Mysterien der Vergangenheit und denen der Zukunft“) ausführt. Einleitend schreibt er zunächst folgende Sätze, welche die Stimmung skizzieren, mit der solche, das Karma der Menschen betreffenden Aussagen, aufgenommen werden sollten:
„Wir lernen durch karmische Betrachtungen, wenn wir uns in die eine oder andere Gruppe vertiefen, auch zu leben in den Persönlichkeiten, die in ihnen auftreten. Wir fühlen uns allmählich, über unsere Lebenszeit hinausreichend, wie mit diesen Seelen verbunden, und dann scheint es nicht allzu wunderbar, wenn sich uns blitzartig, bei äußerlich oft geringfügigen Geschehnissen oder Beobachtungen mitten im tätigen Leben Zusammenhänge ergeben, von denen wir wissen, sie sind nicht kombiniert, nicht aus Spekulationen gewonnen, sondern weiterwirkende, lebendige Tatsachen früherer Zeiten, mit denen sich unsere erwachende Seele zart begegnete.“ (S 108).
Dann schreibt Polzer-Hoditz über den Selbstmord des Kronprinzen Rudolf in Mayerling und die „Veranlassung“ Rudolf Steiners, „sich mit diesem Tode besonders zu beschäftigen“ (S 109). Er sagt, wie die karmischen Erkenntnisse Rudolf Steiners Geschichte erst „verständlich“ machen und „sinnvoll“ erscheinen lassen: „Von allen Seiten her erschließen sich dadurch Entwicklungserkenntnisse und aufschlussreiche Übereinstimmungen. Was unverständlich war, wird verständlich, eine große Anzahl von Ereignissen erhält sinnvollen und geistigen Zusammenhang“ (S109f)
„Die Tragik dieser Ereignisse am österreichischen Kaiserhof“, so schreibt der Graf weiter, „wiederholt die Tragik in Rom, als mit Nero das julisch-claudische Herrscherhaus ausstirbt. Wenn auch der Name Caesar beibehalten wurde, das Haus der Caesaren ist mit Nero erloschen.[2] Tacitus, Sueton, Plinius und andere Historiker beschäftigten sich mit den Ereignissen im römischen Weltreiche zur Zeit seiner äußeren, nahezu größten Ausdehnung, als sich gleichzeitig in Palästina[3] das Ereignis von Golgatha abspielte, welches sie jedoch kaum bemerkten.[4] In die Regierungszeit der ersten römischen Imperatoren, in welcher trotz des Höhepunktes, den das römische Reich erklimmt, ungeheure Tragik liegt, fällt die Geburt des Jesusknaben, und als vorläufiger Abschluss dieser Caesaren-Höhepunkts-Tragik, in welcher das Blut eines Herrscherhauses  gegen eine sich regierungsfähig fühlende Staatsphilosophie kämpft, steht dann die Gestalt des Nero zerrissen zwischen beiden: die Blutskräfte und die ganze orientalische Art der dritten Kulturepoche[5] verkörpert in seiner Mutter Agrippina, und die Staatsphilosophie verkörpert in seinem Lehrer Seneca.“ (S 110)
Weiter schreibt Polzer-Hoditz:
„Nero steht zwischen zwei Weltgegensätzlichkeiten, er steht darinnen wie zwischen Weltenende und Weltenanfang. Agrippina ist der Meinung, dass ein Caesar nicht gemacht werden könne, sondern geboren werden müsse. Nur die göttlich-geistig befruchtete Weisheit, welche in alten Zeiten durch die Natur wirkte, kann einen Caesar hervorbringen; nach ihrer Meinung macht die Philosophie – so wie sie in Rom auftrat – ganz untauglich zur Herrschaft. Agrippina stand somit gegen Seneca im Kampfe, der nach ihrer Meinung die Grundfesten des Herrscherhauses staatsphilosophisch unterhöhlte. Die Mutter sagte: Nero regiert nicht als der Beste und Würdigste, sondern als Sohn seiner Mutter, der Angehörigen eines regierenden Hauses. Seneca hatte dem Nero seine Thronrede verfasst, und die in derselben ausgesprochenen Maximen widersprachen in allem dem, was sich Agrippina über das Neronische Dominat dachte (Tacitus, Annalen, XIII, 3f). Auch das an den Senat nach der Hinrichtung der Mutter gerichtete Schreiben Neros stammt von Seneca (Tacitus, Annalen, XIV, 10f). Später rühmt sich Nero des Muttermordes als einer Erfüllung des bei seinem Regierungsantritte gemachten Versprechens. Man fühlt, wie bei den Anhängern der Agrippina eine still und tief wirkende Kraft protestiert gegen die Art, wie Seneca das Neronische Dominat beeinflusst. In den heiligen Hainen der Arvalen, des Zwölf-Priester-Kollegiums, die ihre Würden nicht verlieren konnten, deren Protokolle seit Augustus in Steintafeln gehauen wurden, wurden alljährlich Opfer gebracht der ‚Concordia honoris Agrippinae Augustae‘ .(…) Ein dreißigjähriges Leben mit einem tobenden Wüten von Kräften in der Seele spielt sich ab, und dieses Kräftetoben wird noch erhöht durch die Götterprätention. Götterprätention, herausgeboren und übernommen aus Priesterinnenweisheit. Die Prätention noch fortwirkender, göttlich befruchteter Naturweisheit, die allein dem Caesar die Caesarenwürde geben kann. Diese Caesarenseele wendet sich nun aus der Souveränität heraus in Weltverachtung und Frivolität gegen alles in der Welt; spricht der ganzen Welt Hohn und spielt mit dem Leben der Menschen einer ganzen Stadt.“ (S 113f)
Diese Charakterisierung der „edlen Seele, die durch eine missratene Erziehung verdorben ist“ (Plato nach Pausanias, siehe oben) kommt dem Wesentlichen näher als die „wissenschaftlichen“ Versuche, diese Seele zu erklären, wie es im Katalog von dem Wiener Psychologen Prof i.R. Harald Aschauer unter dem Titel „Nero – ein Fall für den Psychiater?“ (S 173 – 289)[6] anhand vergleichender Tabellen und Stammbäumen versucht wird.
Polzer-Hoditz greift nun die entscheidende Frage Rudolf Steiners auf, die dieser in seinem Karmavortrag am 27. April 1924 stellt und schreibt weiter:
„Rudolf Steiner sagt in seinem Vortrag, den er über Nero hält, dass man eigentlich stumpf sein muss, wenn man hinsieht auf alles dasjenige, was dieser Nero tut, und sich gar nicht fragt, was aus einer solchen Seele wird, in welcher alleräußerster Zerstörungswille lebt, von welcher nur weltzerstörende Strahlen ausgehen. Er macht uns dann darauf aufmerksam, wie alles, was so auf die Welt abgelagert wird in einem Leben, in das Leben zwischen Tod und neuer Geburt zurückstrahlt. (…) Es zeigte sich bei dem tragischen Falle in Mayerling das Eigentümliche, dass eine Persönlichkeit, welcher das Glänzendste bevorstand, wegen einer Liebesaffäre, die kein objektiv notwendiger Grund für den Selbstmord sein konnte, das Leben für ganz wertlos hielt. Das ist eine Tatsache, die aus dem vorliegenden Leben des Kronprinzen allein doch nicht verständlich ist, wenn man auch versucht, sich die Tat auf irgendeine Weise verständlich zu machen. Warum fand diese Seele das Leben so wertlos, dass sie sich durch die äußeren Verwicklungen die Seelenpathologie schuf, aus der heraus sie sich dann tötete. Die Seele hatte in der geistigen Welt den Anblick der weltzerstörenden Kräfte, die von ihr ausgegangen waren, und nahm sich die Umkehrung vor, das heißt, sie wollte nun die Pfeile auf sich selbst richten, die sie früher nach der Welt gerichtet hatte. Man kann eine gerechte Tragik darin erleben, wenn man sieht, wie nun Rudolf von Österreich sein Leben, das äußerlich alles enthält, was wertvoll ist, doch für ganz wertlos hält und sich tötet.“ (S 114ff)
Ich zitiere nun Rudolf Steiner direkt:
„Denn nun sieht man, wie solche Dinge, die eigentlich zunächst, man möchte sagen, empörend auftreten, wie das Dasein des Nero, sich mit voller Weltgerechtigkeit ausleben, wie sich die Weltgerechtigkeit wirklich erfüllt und wie zurückkommt das Unrecht, aber so, dass die Individualität hineingestellt ist in die Ausgleichung des Unrechtes: Und das ist das Ungeheure an dem Karma. Und dann kann sich noch etwas anderes zeigen, wenn ein solches Unrecht ausgeglichen ist durch einzelne Erdenleben hindurch, wie es hier wohl fast schon ausgeglichen sein wird. Denn man muss nun wissen, dass ja zum Ausgleich dazugehört die ganze Erfüllung – denken Sie sich – hervorgehend aus einem Leben, das sich wertlos hält, das so sehr sich wertlos hält, dass dieses Leben zunächst ein großes Reich – und Österreich war ja dazumal noch ein großes Reich – und seine Herrschaft über ein großes Reich hingibt! Dieses Handanlegen an sich selbst in solchen Umständen, und hinterher, nachdem man durch die Pforte des Todes gegangen ist, weiterzuleben in der unmittelbar geistigen Anschauung, das erfüllt allerdings in einer furchtbaren Weise, was man Gerechtigkeit des Schicksals nennen kann: also Ausgleich des Unrechts. Auf der anderen Seite, wenn wir jetzt von diesem Inhalte absehen, so ist ja wiederum eine ungeheure Kraft in diesem Nero gewesen. Diese Kraft darf nun nicht verlorengehen für die Menschheit; diese Kraft muss geläutert werden. Die Läuterung haben wir besprochen. Ist nun eine solche Seele geläutert, dann wird sie die Kraft, die geläutert ist, eben auch in der Folgezeit in spätere Erdenepochen in einer heilsamen Weise hinübertragen (…) Der gerechte Ausgleich geschieht, aber die Menschenkräfte gehen doch nicht verloren. Sondern es wird dann, wenn es durchlebt wird nach dem gerechten Ausgleich, dasjenige, was ein Menschenleben verübt hat, unter Umständen umgewandelt auch in Kraft zum Guten. Daher ist solch ein Schicksal, wie das heute geschilderte, schon auch durchaus erschütternd.“ (S 90f)[7]
Polzer-Hoditz, der durch seinen Bruder dem habsburgischen Kaiserhaus nahe stand, aber auch ein intimer Schüler Rudolf Steiners war, geht jetzt in eigenständigen Karma-Forschungen über das, was Rudolf Steiner aphoristisch mitteilte, weiter hinaus, was ihn als den eigenständigen Geistesschüler ausweist, der er immer war[8]: er untersucht den karmischen Umkreis von Kaiser Nero und Rudolf von Habsburg und entdeckt erstaunliche Parallelen.
Polzer-Hoditz schreibt einleitend, was meiner Meinung nach ganz allgemein zutrifft, wenn man sich mehrdimensional mit Geschichte beschäftigt und nicht nur eindimensional, wie es bei den meisten Historikern, die nur die positiven Fakten gelten lassen wollen, leider üblich ist:
„Man kann sich in historische tief hineinleben, wenn man die Zeitgenossen solcher Persönlichkeiten betrachtet, welche in der Weltgeschichte eine besondere Rolle spielen und von denen wir durch Rudolf Steiner wissen, dass in ihnen dieselbe Seele in verschiedenen Leben lebte. Man kann dann an den Ereignissen erleben, wie die Menschenseelen es sind, welche die Ergebnisse der einen Geschichtsepoche in die nächstfolgende tragen. Zu den Zeitgenossen Neros, welche besonders stark in sein Leben hereinragten, gehörten außer den schon erwähnten – nämlich seiner Mutter Agrippina und seinem Lehrer Seneca – noch Burrus, der Kommandant der Garde und Freund Senecas, Neros Gemahlinnen Octavia und Poppea Sabina, der Verschwörer Piso, weiter seine Geliebte, die Korintherin Akte und sein steter Begleiter Sporus.“ (S 117)

Ich will es bei dieser Andeutung belassen und hoffe, dass sie den Leser anregt, selbst „eigenständig“ weiter zu forschen. So wird Geschichte erst interessant.




[1] Seneca wurde oft mit dem griechischen Philosophen Sokrates, dem Lehrer Platons, verglichen. Es existiert sogar eine Büste, in der beide Philosophen Kopf an Kopf dargestellt sind, der ältere nach hinten, der jüngere nach vorne schauend, wie bei der Darstellung des zweigesichtigen römischen Gottes Janus, von dem der Monatsnamen „Januar“ stammt. Beide Philosophen wurden bekanntermaßen zum Selbstmord getrieben.
[2] Fußnote 99 in der Neuauflage (von Andreas Bracher): „Der Tod Neros 68 n. Chr. bedeutet das Ende des julisch-claudischen Kaiserhauses, das sich auf die Abstammung von Caesar und Augustus zurückführte. Seine Kaiser waren Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Es folgte das Vierkaiserjahr 69 und die kurze Zeit der flavischen Dynastie (69 – 96), bevor sich dann ein System des Adoptivkaisertums etablierte, das ganz vom Prinzip des Bluts- beziehungsweise Familienerbes abwich.“
[3] Damals war es die römische Provinz Judäa. (Anmerkung. J.S.)
[4] Genauso wenig bemerkten die „anerkannten“ Historiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Monarchien ihrem Ende zueilten, die Morgenröte einer neuen „Geisteswissenschaft“, die sich zuerst „Theosophie“, später „Anthroposophie“ nannte, obwohl Rudolf Steiner der „Bewegung“ am liebsten „jede Woche einen neuen Namen“ gegeben hätte, wie Andrej Belyj in seiner Schrift „Verwandeln des Lebens“, Rudolf Steiners Kurs in England 1923 zitierend, schreibt (S 19).
[5] Rudolf Steiner spricht in seiner „Geheimwissenschaft“ (1909) von sieben aufeinanderfolgenden Kulturepochen, die er mit dem ungefähren Verweilen des Sonnenaufgangs im sogenannten Frühlingspunkt in einem Sternbild zusammenschaut, das etwa 2160 Jahre dauert. Die erste Kulturepoche nennt er die „Ur-indische“ (Zeitalter des Krebses), die zweite die „Ur-persische“ (Zeitalter der Zwillinge), die dritte die „Ägyptisch-chaldäische“ (Zeitalter des Stieres), die vierte dir „Griechisch-römische“ (Zeitalter des Widders) und die derzeitige fünfte Kulturepoche die „germanische“ (Zeitalter der Fische). Es werden noch zwei Kulturepochen folgen, die „slawische“ (Zeitalter des Wassermanns) und die „amerikanische“ (Zeitalter des Steinbocks), bevor der „nachatlantische Zyklus“ beendet sein wird.
[6] Aschauer geht bei seiner Untersuchung von einem interessanten „Detail“ aus, das auch uns bei der Ausstellung begegnet ist: „Nero lebte von 37 bis 68. Bei der Geburt handelte es sich um eine sogenannte Beckenlage (‚mit den Füßen zuerst zur Welt gekommen‘, Plinius, Naturalis historia 7, 46, Übersetzung nach Marion Giebel). Das ist eine Abweichung von der normalen Geburt, bei der nicht der Kopf, sondern das Becken des Kindes vorangeht. Heute liegt die Häufigkeit dieser Regelwidrigkeit bei 3% aller Schwangerschaften. Es handelt sich dabei um einen Risikofaktor für die Entstehung psychiatrischer Krankheiten, da während des erschwerten Geburtsvorganges durch Sauerstoffmangel oder ganz allgemein Stress Störungen der Entwicklung des Nervensystems auftreten können. Später kann es zu schizophrenen oder bipolaren affektiven Störungen kommen.(…). Die Erblichkeit spielt bei Geburten in Beckenendlagen eine Rolle. Auch Neros Urgroßvater Marcus Vipsanius Agrippa wurde so geboren.“ (Katalog, S 173)
[7] Während ich dieses Zitat aus Rudolf Steiners Karma-Vortrag abschreibe, drängt sich mir die Individualität Adolf Hitlers auf, über den Brigitte Hamann ebenfalls zwei Bücher geschrieben hat: „Hitlers Wien- Lehrjahre eines Diktators“ (Piper, 1996) und „Hitlers Edeljude – Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch“ (Piper, 2008). Die Gedanken, die Rudolf Steiner hier über den Ausgleich des Karma und die Umwandlung böser in gute Kräfte ausspricht, bekommen erst ihre wahre und wahrlich „erschütternde“ Dimension, wenn man sie auf den „größten Verbrecher“ des 20. Jahrhunderts anwendet, auf Adolf Hitler, der oft mit Kaiser Nero verglichen wurde, so auch in dem Hollywoodfilm „Quo Vadis“, der sechs Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ entstand und unser Nero-Bild bis heute prägt. Diese Parallele wird im letzten Kapitel des Katalogs beschrieben, wo Dorothee Henschel den amerikanischen „Propagandafilm“ untersucht. Sie schreibt: „Nicht umsonst trägt Nero, während er seinen Hymnus vor dem brennenden Rom rezitiert,  in Anlehnung an die Uniformen und Symbole der Faschisten und Nationalsozialisten, eine schwarze Toga mit goldenen Adlern.“ (Katalog, S 386). Diese „starke Szene, die noch immer das Nero-Bild vieler Zeitgenossen prägt“ wird bereits in der Einleitung von Marcus Reuter zitiert, indem er auf S 17 ein Foto der Szene abdruckt.
[8] Siehe die Biographie von Thomas Meyer, Ludwig Polzer Hoditz – ein Europäer, Perseus-Verlag 1994

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Durch Schwäbisch Hall mit Michael Klenk




Nero soll im Augenblick seines Todes ausgerufen haben: „Welch ein Künstler geht in mir verloren!“ Er hat sich nicht so sehr als Herrscher, sondern mehr als Dichter, Musiker und Schauspieler verstanden. Das hat den Spott und die Verachtung der Kreise, aus denen er stammte, auf sich gezogen. Er war ein „Außenseiter der Gesellschaft“. Das sind eigentlich Leute, die mir sympathisch sind.
Gestern (am 04.10.2016) durfte ich zusammen mit etwa 24 anderen Frauen und Männern zweieinhalb Stunden mit solch einem sympathischen „Außenseiter der Gesellschaft“ durch die Stadt Schwäbisch Hall wandeln und Plätze und Räume entdecken, die besonders mit diesem Menschen verbunden sind. Ich spreche vom Leiter der Haller Kunstakademie, Michael Klenk, der gestern Nachmittag in der Volkshochschulreihe „Haller zeigen ihre Stadt“ eine Führung anbot, die mehr über den Künstler, als über die Stadt „verriet“.
Michael Klenk ist nur ein Jahr älter als ich. Er ist 1951 in Solingen geboren, aber in Gaildorf, wo sein Vater eine Fabrik hatte, aufgewachsen. Weil er im dortigen Gymnasium zweimal „hängen geblieben“ ist, wechselte er an eine Haller Schule, wo er dann doch noch das Abitur „schaffte“. Sein Vater wollte, dass sein einziger Sohn Betriebswirtschaft lernte, Michael aber wollte von Anfang an Künstler werden. Während seines BWL-Studiums in Rosenheim hatte Michael, wie er erzählt, viel Zeit, zu lesen und Musik zu hören. Musik war schon früh neben der Kunst seine Leidenschaft. Er hatte eine Liste mit allen Musikstücken angefertigt, die er noch live hören wollte. Während dieses Studiums bewarb er sich fünf Mal an verschiedenen Kunstakademien. Erst mit seiner fünften Mappe wurde er in Karlsruhe aufgenommen.
Weil es vielen jungen Menschen, die Kunst studieren wollen, wie ihm ergeht – auch ich hatte mich einmal mit einer Mappe an der Stuttgarter Kunstakademie beworben und eine Absage bekommen – hat Michael Klenk im Jahre 1990 in Schwäbisch Hall eine Kunstakademie gegründet, in der junge Menschen innerhalb eines Jahres unter anderem auf professionelle Weise eine Mappe gestalten, mit der sie sich an einer Staatlichen Akademie bewerben können. Diese damals unterhalb der Katharinenkirche gegründete private Akademie wurde von der Stadt Schwäbisch Hall gefördert. Elf Jahre später, im Jahre 2001, entstand in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die Kunsthalle Würth, ein Museum von überregionaler Bedeutung. Weil der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth sein Museum in den nächsten fünf Jahren erweitern möchte, musste Michael Klenk vor drei Jahren umziehen. 
Seine Akademie hat nun als Unterkunft ein ehemaliges Mädchengymnasium am Haalplatz, in dem auch die Festspiele ihre Büros und Üb-Räume haben.
Michael Klenk war mit einem halben Lehrauftrag Kunsterzieher am Erasmus-Widmann-Gymnasium in Schwäbisch Hall. Dort war ich 2000 – 2001 sein Kollege. Seit drei Wochen ist er pensioniert, erzählt er. 2007 habe ich ihn im Kunstverein Ellwangen, dessen Mitglied ich damals war, wieder getroffen. Er war mit eigenen Arbeiten in der Ausstellung „Eigene Wege - neun Schoofs-Schüler", die von meinem verstorbenen Kollegen, dem Künstler und Kunsterzieher Peter Gut, kuratiert wurde, vertreten.
Michael Klenk beginnt seine Stadtführung vor dem Turm von Sankt Michael und preist die ca. siebenhundertjährige spätgotische Michaels-Statue aus den Jahren zwischen 1280 und 1320 als sein Lieblingskunstwerk der kunstreichen Stadt. Michael  erinnert daran, was sein Namenspatron schon alles gesehen haben mag: Menschen am Pranger und Aufmärsche der Nazis, aber auch unzählige Hochzeiten und natürlich die Spiele auf der Treppe.
Wir gehen anschließend durch die obere Herrengasse und halten vor dem ehemaligen Wohnhaus des Haller Rabbiners Berlinger. Sein Vater, so erzählt Michael, sei eines Tages als etwa elfjähriger Junge mit zwei Freunden an dem Haus vorbeigegangen und wurde von zwei SS-Männern aufgefordert, sich etwas aus dem Besitz des Verjagten auszusuchen. Er nahm einen wertvollen Füller mit, den er seinem Sohn Michael vererbte, der ihn heute noch besitzt, nachdem ihn die überlebenden Nachkommen des Rabbiners nicht mehr zurückhaben wollten. Schräg gegenüber dem Haus des Rabbiners liegt das Bethaus der jüdischen Gemeinde.
Die nächste Station ist Michaels Lieblingsplatz. Wir müssen viele Treppen zum sogenannten „Neubau“ hochsteigen und gelangen dann unmittelbar an der Südseite des gewaltigen mittelalterlichen Bauwerks auf den Platz, von dem wir einen der schönsten Blicke auf die Stadt genießen können. Wieder erzählt Michael eine Anekdote, die ihm sein Vater mitgeteilt hatte: er hatte sich, wieder begleitet von seinen Kumpels, unterhalb dieses Platzes, wo ein Schreiner seine Werkstatt hatte, in einen geöffneten neuen Sarg gelegt und ihn geschlossen. Die beiden Freunde taten es ihm gleich und einer wäre dabei fast in Ohnmacht gefallen.
Ich denke, wenn Michael so eine Szene erzählt, dann ist das nicht ohne Grund. Ich ahne, dass es einen karmischen Hintergrund hat, vermutlich eine Einweihungsszene in einem früheren Leben. Michael, dem in seinem Leben im Grunde alles geglückt ist, wovon er geträumt hat, ist mit seinem langen weißen Bart, seiner imposanten schlanken Gestalt und seinen wachen, gütigen Augen eine auffallende Erscheinung in dieser Stadt. Er erinnert mich immer an einen der biblischen Patriarchen. Er erzählt, dass er während seines Studiums zwei Jahre in Rom studiert hat und später sogar noch ein Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo bekommen hat und in der römischen Casa Baldi wohnen durfte. Er versichert, dass ihn seine römische Zeit stark beeinflusst habe. 
Ich erfahre, dass er auch die Nero-Ausstellung in Trier besucht hat und vollkommen von der Präsentation begeistert war.
Wir steigen nun, vorbei am Hällisch-Fränkischen Museum und der wiedererrichteten Salzsiederhütte, hinab in die Kocherwiesen. Dabei erzählt Michael, dass Hall zwar im Mittelalter die fünftreichste Stadt des Reiches gewesen war, in den 50er Jahren aber zu einer kleinen, unbedeutenden Verwaltungsstadt herabgesunken ist. 1966 sei dann ein Ruck durch das verschlafene Provinz-Städtchen gegangen, als in der Kocheranlage der „Club Alpha“, das erste Jugendhaus Deutschlands, gegründet wurde. Einen der Mitgründer, Walter Müller (FDP), lerne ich als Teilnehmer der Gruppe kennen. Ich erzähle ihm, dass wir auch in Ellwangen eine Initiative für ein Jugendzentrum hatten, und dass wir als Initiatoren damals auch den Club Alpha besuchten, der dieses Jahr sein fünfzigjähriges Jubiläum feiert.
Nun gehen wir weiter zur „Unterwöhrd“, wo an diesem Dienstag mit dem Abbau des alten Globe-Theaters begonnen wurde. Es soll durch ein neues, wetterfestes Theater ersetzt werden. 
Über den „Roten Steg“ gelangen wir in die Katharinen-Vorstadt und steigen auf der gegenüberliegenden Kocherseite zur Kunsthalle Würth hinauf, die ein wahrer Segen für die Stadt ist. Michael zeigt uns die unmittelbar benachbarten Gebäude, in denen über zwanzig Jahre lang seine „Akademie der Künste“ untergebracht war. Ich habe sie vor ein paar Jahren auch schon besucht, als eine Freundin hier einen Malkurs belegte und an einer Gruppenausstellung teilnahm.
Schließlich zeigt uns Michael, der alle Teilnehmer persönlich kennt und die, welche nach Hause wollen, freundlich verabschiedet, noch sein „eigenes Reich“: die neue "Akademie der Künste" am Haal-Platz. Im Flur des schönen klassizistischen Gebäudes sehe ich das Plakat und ausgeschnittene Presseberichte zur großen Trierer Nero-Ausstellung und finde sogar noch einen Ausstellungs-Flyer in deutscher Sprache, der in den drei Trierer Museen bereits vergriffen war.

Dort hatte ich aus Versehen einen in niederländischer Sprache eingesteckt.
Nicht Politik war Neros große Leidenschaft, sondern Dichtung und Musik. Das war sein Verhängnis.